
Das meint Torsten Götz – Die Reissleine!
Es gibt einen Moment, den kennt jeder, der einen Betrieb führt, und niemand redet gern darüber. Es ist der Moment, in dem man weiss, dass es mit jemandem nicht funktioniert und man noch weitere drei Wochen abwartet, bis man es ausspricht.
Ich habe diesen Moment in den letzten Jahren öfter erlebt, als mir lieb ist. Eine Schlüsselposition, die auf dem Papier perfekt besetzt war: Erfahrung, gute Stationen, ein sauberes Gespräch, ein überzeugendes Probearbeiten. Die Lösung für eine Nachfolge, die man schon längst hätte finden sollen und nebst dem Tagesgeschäft mit sich herumgetragen hatte.
Und dann steht man nach ein paar Wochen da und sieht, dass es nicht trägt. Nicht ein bisschen. Gar nicht. Man kennt das inzwischen in der Branche. Und man hat auch die Erklärung parat: die Mitarbeitenden von heute, die Jungen vor allem. Keine Belastbarkeit, keine Leidenschaft, kein Verständnis mehr für dieses Handwerk. Man hört es fast überall, man sagt es an Messen, man sagt es einander gegenseitig, und sehr viele nicken. Nur wird es dadurch nicht wahrer. Denn es sind längst nicht mehr nur die Jungen. Es sind gestandene Leute mit vielen Jahren Berufserfahrung, die nach vier Wochen nicht verheben.
Wer soll kommen?
Die unangenehmere Version geht so: Bei jedem einzelnen dieser Fälle musste ich die Reissleine ziehen. Nicht die Mitarbeitenden, nicht der Zufall, nicht eine Kündigung von der anderen Seite. Ich. Und ich habe jedes Mal zu lange gewartet. Das hat einen Grund, den ich gut verstehe. Wer soll denn kommen? Der Markt ist leer, die Dienstpläne sind auf Kante, und der Gedanke «lieber jemand, der halb funktioniert, als niemand» ist verführerisch.
Nur stimmt es nicht. Wer halb funktioniert, kostet nicht die Hälfte. Er kostet doppelt, weil die anderen den Rest auffangen. Und die anderen sehen alles. Die sehen es Wochen, bevor ich es sage. Genau da verliert man die Guten. Nicht wegen des Lohns, nicht wegen der Arbeitszeiten. Sondern weil sie merken, dass der Chef eine Situation aushält, die für alle offensichtlich nicht geht. Wer eine Fehlbesetzung zu lange trägt, sagt seinem Team damit: Leistung spielt hier keine grosse Rolle. Das ist eine Botschaft, die man nicht mehr einfängt.
Sofort verfügbar
Der Fehler beginnt allerdings früher. Wer heute jemanden einstellt, stellt in den meisten Betrieben nicht jemanden ein, der passt. Er stellt jemanden ein, der kann. Sofort. Am liebsten gestern. Wir suchen nicht nach Menschen, wir suchen nach Lückenfüllern - und der Neue merkt das am ersten Tag. Schürze, Spind, «lauf einfach mal mit». Kein Gespräch, kaum ausreichende Einführung, keine ausgesprochene Erwartung.
Einarbeitung ist bei uns kein Prozess, sie ist ein Zufall. Sie funktioniert, wenn gerade jemand Zeit und Geduld hat - und die hat selten jemand, weil ja sowieso schon Mitarbeiter fehlen. Dann wundern wir uns, dass es nicht trägt. Ich nehme mich davon ausdrücklich nicht aus. Ich habe eingestellt, weil ich musste, nicht weil ich überzeugt war. Ich habe Lebensläufe beurteilt und zu wenig Menschen. Und ich habe die Probezeit als Formalität behandelt, statt als das, was sie ist: die einzige Phase, in der beide Seiten noch ohne Drama sagen dürfen, dass es nicht passt.
Klar entscheiden
Fehler gehören zum Leben, ich habe genug gemacht. Nur muss man daraus etwas ändern. Nicht das Problem weiterschleppen, sondern die Lösung angehen. Aus der Fliegerei kenne ich einen Grundsatz, der hier erstaunlich gut hinhält: Eine Entscheidung, die zwanzig Sekunden zu früh kommt, ist unangenehm. Eine, die zwanzig Sekunden zu spät kommt, wird zum Problem.
In der Gastronomie haben wir dagegen gelernt, dass Durchhalten eine Tugend sei. Ist es nicht. Durchhalten ist manchmal einfach die Vermeidung eines Gesprächs. Ein Betrieb, der nur läuft, wenn alle hundert Prozent geben und niemand krank wird, ist kein gut geführter Betrieb. Er ist ein Risiko mit Speisekarte.
Lernende sind nicht das Problem
Ein Gedanke zum Schluss: Wir sagen «Fachkräftemangel», weil das eine Diagnose ist, an der wir unschuldig sind. Die ehrlichere lautet: Wir stellen aus Not ein und trennen uns aus Erschöpfung zu spät. Beides sind Führungsentscheide, und beide gehören uns. Und die Lernenden, die viel Aufmerksamkeit brauchen? Die sind nicht das Problem. Die sind die eigentliche Arbeit. Nur brauchen sie Geduld – und wir müssen aufhören, so zu tun, als hätten wir keine.
Mit würzigen Grüssen, euer Torsten Götz.