Digestif

04.12.2020
Gourmet 12/20
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Text:
Verleger, Chefredaktor
René Frech, lic.rer.pol

Herrn Casimir Platzer

Präsident von GastroSuisse

Blumenfeldstrasse 20

8046 Zürich

Bern, 25. November 2020/RF

Sehr geehrter Herr Platzer

Wie konnte es nur soweit kommen? Im letzten Frühjahr hatten wir in der Schweiz das Coronavirus einigermassen im Griff. «Wir können Corona!», sagte unser Gesundheitsminister triumphierend. Wir waren das Musterland Europas. Unsere Gesundheitsbehörden konnten sich erlauben, die Welt in Hochrisikogebiete und in weniger risikobehaftete Gebiete einzuteilen – und die Leute aus den Risikogebieten mit Quarantäne zu bestrafen.

Und heute: Heute ist die Schweiz der Corona-Hotspot der Welt. Die Infektion- und Toten-Zahlen schnellen in Rekordhöhen. Ein stilles Massensterben hat eingesetzt – und keiner sagt und tut etwas, wohl weil keine Militärlastwagen voller Särge im TV zu sehen sind wie damals in Norditalien. Alles ist verunsichert. Die Laden- und Beizenfrequenzen sinken in den Keller. Kaum jemand getraut sich noch hinein in ein Restaurant – trotz Schutzkonzepten und vielem mehr. Es fehlt schlicht an Vertrauen. Denn: Was nützen den Hoteliers und Gastronomen geöffnete Betriebe – und keiner geht hin!

Eigentlich müsste Ihnen das zu denken geben, gehörten Sie doch zu den Öffnungs-Aposteln der ersten Stunde. Keine behördliche Corona-Massnahme, ohne dass sie von Ihnen nicht kritisiert wurde und ohne dass Sie lautstark von Kandersteg herunterpolterten und im Verein mit den andern Verbandsbossen die Gesundheit gegen die Wirtschaft ausspielten. Die Folgen waren eine übereilte und zu forsche Oeffnung und – noch schlimmer – die Tatsache, dass sich jetzt niemand mehr traut, angesichts der zweiten Welle einen, wenn auch kurzen, zweiten Lockdown zu beschliessen. Das Schlamassel sehen wir jetzt und heute.

Gerade mit Blick auf das mangelnde Vertrauen der Bevölkerung, der Kunden und Gäste zeigt sich, dass Gesundheit und Wirtschaft keine Gegensätze sind und dass eine gedeihliche Wirtschaft Gesundheit bedingt. In keiner anderen Branche wie in Hotellerie und Gastronomie kommt dies so deutlich zum Ausdruck. Vielleicht, lieber Herr Platzer, wäre ein behutsamerer Öffnungsweg der für alle und insbesondere für die Gastro-Branche bessere Weg gewesen. Die Zukunft wird es zeigen!

Im Moment geht die Zahl der Neuinfektionen ja sukzessive zurück, auch ohne schweizweiten zweiten Lockdown. Die Statistiken aus den Regionen zeigen aber auch, dass dies vor allem den Kantonen in der Romandie zu verdanken ist – und dort herrschen strikte Beschränkungen und Teil-Lockdowns. Die Zukunft wird zeigen, ob der österreichische oder der schweizerische Weg mehr Effizienz im Kampf gegen die Verbreitung des Virus aufweist und ob man nicht doch auf die Touristiker aus den Schnee- und Skigebieten hätte hören sollen, die einen allgemeinen kurzen harten Lockdown im November forderten, damit auf die Eröffnung der Wintersaison wieder allgemeines Vertrauen um sich greift und die Leute auch aus dem Ausland in die Wintersport-Destinationen strömen. Heute hören wir von Hoteliers sehr oft das Gegenteil, nämlich, dass bei ihnen reihenweise Stornierungen von deutschen Gästen eintreffen.

Wie auch immer in solch unsicheren Zeiten: Es ist an der Zeit, immer wieder Bilanz zu ziehen, die Situation zu hinterfragen und daraus die richtigen Konsequenzen zu ziehen – das gilt auch für Sie, sehr geehrter Herr Platzer.

Mit freundlichen Grüssen René Frech, lic.rer.pol Verleger, Chefredaktor

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