
Die neue Autorität am Tisch: Wie Gäste mit Online-Bewertungsplattformen im Rücken auftreten, und was das für die Gastgeberrolle bedeutet
Stellt Euch vor, Ihr sitzt in einem Restaurant. Das Essen ist wunderbar präsentiert, geschmackvoll und tadellos. Die Einrichtung sehr stilvoll, passend zum Angebot des Hauses. Der Service korrekt. Und trotzdem bleibt am Ende – nichts. Kein Lächeln. Keine emotionalen Momente. Kein Gefühl. Nur ein Teller, der leer ist. Genau das passiert, wenn wir vergessen, worum es in der Gastronomie wirklich geht: um echte, menschliche Begegnungen, um echte, herzliche Gastfreundschaft.
Wir gehen kaum noch irgendwohin, ohne vorher nachgesehen zu haben. Restaurants werden im Internet geprüft, bevor wir sie betreten. Routen werden gefahren, weil ein Navi sie vorschlägt. Gekauft wird nicht, was uns anspricht, sondern was andere empfohlen haben. Und Ferien gelten erst dann als buchbar, wenn 360-Grad-Videos und positive Gästekommentare im Vorfeld jede mögliche Enttäuschung auszuschliessen scheinen. Orientierung ist zur Obsession geworden. Absicherung zur neuen Lebensform. Und genau diese Haltung sitzt heute mit am Tisch.
Es gab einmal eine klare Rollenverteilung: Hier der Gastgeber, dort der Gast. Der eine empfängt, der andere bedankt sich. Der eine setzt Ton, Tempo und Dramaturgie, der andere lässt sich darauf ein. Diese Ordnung galt lange als zivilisatorischer Konsens. Doch sie hat sich leise aufgelöst – nicht durch gesellschaftliche Umbrüche, sondern durch Bewertungsplattformen.
Der heutige Gast kommt selten unvorbereitet. Er bringt Vergleichswerte mit, Ranglisten, Screenshots, Kommentare. Er weiss, was andere bezahlt, kritisiert oder gefeiert haben. Er hat Erwartungen vorformuliert, noch bevor die Serviette auf dem Schoss liegt. Der Gast ist nicht mehr primär Teilnehmer eines Abends, sondern Prüfer eines Versprechens.
Gast hat an Autorität gewonnen
Online-Bewertungen haben dem Gast eine neue Autorität verliehen. Keine formelle, aber eine wirksame. Jeder Handgriff, jede Pause, jede Abweichung vom Erwarteten kann später öffentlich festgehalten werden. Der Gastgeber weiss das. Die Begegnung ist nicht mehr flüchtig, sie ist potenziell archiviert. Das verändert Verhalten – auf beiden Seiten.
Der Gast wiederum spürt diese Macht. Und nutzt sie. Mal subtil, mal demonstrativ. «In den Bewertungen klang das anders.» «Dafür gibt es doch normalerweise noch etwas.» Was früher Wunsch oder Hoffnung war, wird heute als Anspruch formuliert. Die Bewertungsökonomie hat einen neuen Typus hervorgebracht: den selbsternannten Qualitätsmanager im Restaurant.
Kritik als Grundhaltung
Dabei ist Kritik nicht das Problem. Gastronomie lebt vom Dialog. Vom Echo. Vom Widerspruch. Problematisch wird es dort, wo Kritik zur Grundhaltung wird. Wo nicht mehr erlebt, sondern abgeglichen wird. Wo der Abend nicht offen beginnt, sondern mit einer inneren Checkliste. Der Gastgeber wird dann nicht als Persönlichkeit wahrgenommen, sondern als Dienstleister unter permanenter Beobachtung.
Das setzt auch die Gastgeberrolle unter Druck. Wer ständig mitdenkt, wie ein Abend online enden könnte, neigt zur Absicherung. Zum Glätten. Zum Weglassen von Eigenwilligkeit. Doch gute Gastlichkeit entsteht nicht aus Fehlervermeidung, sondern aus Haltung. Aus Mut zur Handschrift. Aus dem Risiko, nicht jedem zu gefallen.
Vielleicht liegt genau hier die neue Aufgabe der Gastgeber: Autorität nicht zurückzufordern, sondern neu zu definieren. Nicht gegen Bewertungen zu arbeiten, sondern etwas anzubieten, das sich nicht bewerten lässt. Persönlichkeit. Konsequenz. Ein klarer Standpunkt. Wer Gastgeber sein will, muss wieder führen – nicht autoritär, aber entschlossen.
Und der Gast? Auch er könnte sich erinnern, dass Orientierung nicht dasselbe ist wie Urteil. Eine Bewertung ist ein Werkzeug, kein Anspruch. Wer sie nutzt, übernimmt Verantwortung. Am Ende entscheidet sich Gastlichkeit noch immer nicht im Netz, sondern im Raum. Dort, wo Menschen sich begegnen. Ohne Navi. Ohne Ranking. Aber mit Vertrauen.
Ein Gedanke zum Schluss
Machen wir unsere Gäste wieder zu Werbeträgern. Gerade in Zeiten des Beizensterbens ist das entscheidend. Sie sollten nicht posten müssen – sondern erzählen wollen. Denn die gute, alte Mund-zu-Mund-Propaganda ist am Ende doch das, worauf wir wirklich etwas geben.
Mit würzigen Grüssen,
Euer Torsten Götz