Claude Meier, Direktor von HotellerieSuisse, Bern:

Fachkräfte-Mangel braucht breite politische Allianzen

15.12.2021
Gourmet 12/21
  • Interview
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Der Fachkräftemangel ist im Sorgenbarometer der Schweizer Wirtschaft innerhalb von sechs Monaten vom 18. auf Rang 3 geklettert. Dieses im November 2021 veröffentlichte Umfrageresultat mag einige erstaunen, beschreibt jedoch eine sich schon lange anbahnende Herausforderung.

Ein Statement von Claude Meier, Direktor von HotellerieSuisse, Bern.

«Der Mangel an Fachkräften entsteht hauptsächlich durch die Folgen des demografischen Wandels. Aufgrund der abnehmenden Geburtenrate in den letzten Jahrzehnten in ganz Europa und der kontinuierlich älter werdenden Gesellschaft stehen dem Arbeitsmarkt immer weniger Arbeitskräfte zur Verfügung. Der Produktionsfaktor Arbeit ist und bleibt eine beschränkte Ressource.

Dank des technologischen Fortschritts und der Digitalisierung können in zahlreichen Wirtschaftsbereichen die Arbeitsprozesse effizienter gestaltet werden. Dies reduziert den Arbeitskräftebedarf einerseits, bringt gleichzeitig auch einen Veränderungsdruck auf die Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden mit sich. Der Bedarf an gewissen Berufsqualifikationen wird massiv steigen: Ingenieurberufe, Treuhandwesen, Technikbereich, Berufe der Informatik oder etwa der Pflege/Humanmedizin und Pharmazie. Demgegenüber werden kaufmännische und administrative Tätigkeiten oder auch Berufe im Handel und Verkauf weiter rationalisiert. Das Gastgewerbe hat im Wettbewerb zwischen den Branchen auch hart zu kämpfen. Gerade in den vergangenen Monaten haben wir mehr als deutlich gespürt, dass wir zahlreiche gute Mitarbeitende an andere Branchen verloren haben.

Kurzfristige Massnahme nutzen

Ausbilden im eigenen Betrieb heisst investieren in künftige Fachkräfte. Nur wenn wir selbst auch Lernenden eine attraktive Chance bieten, können wir in der Zukunft auf ausgebildetes Fachkräftepotential zählen. Um die Gastronomiebetriebe auf diesem Weg weiter zu unterstützen, bieten wir zahlreiche auch neue Unterstützungsmassnahmen an:  

  • Unter dem Brand www.hotelgastroberufe.ch betreibt GastroSuisse und HotellerieSuisse zusammen seit Jahren ein fundiertes Berufsinformations- und -marketing. Nach rund 1 ½ Jahren konnten wir in diesem Herbst endlich wieder Berufsbildungsmessen durchführen und für unsere Berufe werben.
  •  Im Oktober/November dieses Jahres lancierten die beiden Verbände zusammen «Rock your Future». Gesamtschweizerisch öffneten rund 170 Gastronomieunternehmen und Hotels ihre Türen für potenzielle Lernende und stellten die spannenden Berufsmöglichkeiten vor. Das Programm www.rockyourfuture.ch wird nach den ersten Erfahrungen jetzt weiterentwickelt und optimiert.
  • GastroGraubünden und HotellerieSuisse Graubünden haben sich als Pilot dem Label und Ausbildungsprogramm «Top Ausbildungsbetriebe» angeschlossen. Nach erfolgreichem Pilotversuch bieten wir nun das Programm seit diesem Jahr gesamtschweizerisch an. Ziel ist es, dass wir unsere Berufsbildungsverantwortlichen in unseren Lehrbetrieben weiter befähigen und in ihrer fordernden Ausbildungsrolle stärken.
  • HotellerieSuisse hat im Frühling dieses Jahres ein «Coaching-Programm für Beherbergungsbetriebe» zusammen mit dem Staatssekretariat für Wirtschaft SECO auf die Beine gestellt. Das Angebot beinhaltet eine Betriebsanalyse und eine kostenlose 6-tägige professionelle Coaching-Unterstützung.

Keine schnell wirksamen, dafür ein Strauss an Lösungsansätzen nötig

Auch auf der politischen Ebene braucht es verschiedenste Massnahmen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. In der nationalen Politik heisst dies etwa:

  • ein höheres und gleichzeitig flexibleres AHV-Rentenalter ermöglichen;
  • die Individualbesteuerung endlich einführen;
  • Ganztages-Betreuungsangebote für Klein- und schulpflichtige Kinder schweizweit weiter forcieren;
  • zusätzliche Anreize über die Bildungs- und Finanzpolitik setzen, um insbesondere die niederschwellige Basis- und die berufliche Bildung stärken.

Ein einfaches Patentrezept, welches umgehend das Problem des Fachkräftemangels entschärft, gibt es nicht. Demgegenüber braucht es einen langen Atem, politischen Willen und breite politische Allianzen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern und ihren Verbänden, um hier wirklich etwas zu bewegen».

Claude Meier, Direktor HotellerieSuisse: www.hotelleriesuisse.ch


About

Claude Meier (43) ist Volkswirt, wohnt in der Stadt Bern und ist seit 5 ½ Jahren Direktor von HotellerieSuisse. Claude Meier kandidiert am 27. März 2022 im Wahlkreis der Stadt Bern auf der Liste der FDP-Männer für einen Sitz im Grossen Rat des Kantons Bern (Kantonsparlament). Er setzt damit ein klares Zeichen: es braucht mehr Vertreter der TourismusWIRTSCHAFT in den kantonalen Parlamenten.


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