
Wie das Perroquet Vert Wiener Kaffeehauskultur und französische Brasserie vereint
Ausgerechnet in Biel hat sich Patrik Mürner einen gastronomischen Traum erfüllt, der eher nach Paris oder Wien klingt als nach Seeland. Der studierte Germanist und kulturelle Quereinsteiger führt mit dem Perroquet Vert ein charakterstarkes Lokal, in dem Wiener Kaffeehauskultur auf französische Brasserie-Küche trifft und das mit einer Konsequenz, die man in der Schweiz selten findet.
Am Place de la Fontaine verströmt das Perroquet Vert den Charme einer Pariser Brasserie aus der Belle Époque. Die Terrasse bespielt den Gehsteig, im Sommer öffnet sich zusätzlich ein ruhiger Innenhof. Drinnen dominieren dunkles Holz, Spiegel, Messing und ein leises, freundliches Grundrauschen. Nichts wirkt zufällig, alles ist Teil einer sorgfältig komponierten Atmosphäre.
Selbst die Einrichtung erzählt ihre eigene Geschichte. Die Sitzbänke und Tische im Stil klassischer Wiener Kaffeehäuser wurden zunächst von einem befreundeten Theatermitarbeiter als Modelle für Kulisse und Dekor entworfen. Diese Vorarbeit ermöglichte eine präzise, CNC-gestützte Fertigung aus Eichenholz – kostenbewusst und effizient, denn das Lokal wurde vollständig neu eingerichtet.
Zuvor befand sich hier kein Café, sondern Biels letzte Quincaillerie (Haushaltswarengeschäft). Die definitive Ausführung übernahm die Firma Bandi Interior aus Oberwil bei Büren an der Aare. Die Leinenservietten stammen aus der traditionsreichen Weberei Schwob in Burgdorf – ein weiteres Detail, das den Anspruch an Handwerk und Herkunft unterstreicht.
Französische Küche par excellence
Auf der Schiefertafel im Perroquet Vert stehen vertraute Klassiker: Jakobsmuschel-Risotto, Entrecôte, Tuna-Tatar, Tarte Tatin. Die Küche ist traditionell, üppig, handwerklich präzise – ohne modische Verrenkungen. Sie setzt auf klare Aromen, Grosszügigkeit und Respekt vor dem Produkt. Der Service ist Teil der Inszenierung. Kellner und Köche, mehrheitlich aus dem nahen Frankreich, tragen schwarze Anzüge mit Fliege und bewegen sich mit selbstverständlicher Eleganz durch den Raum.
Die Küche ist traditionell, üppig, handwerklich präzise – ohne modische Verrenkungen.
Es ist die Handschrift von Patron Patrik Mürner, die hier sichtbar wird. Schon früh begleitete er seinen Vater, einen Spediteur der Bieler Uhrenindustrie, auf Reisen bis nach Asien. Insbesondere Paris und Wien prägten ihn nachhaltig. Dort lernte er die klassische französische Küche ebenso schätzen wie die kultivierte Art traditioneller Wiener Kaffeehäuser.
Vor rund zehn Jahren fand im Perroquet Vert dann zusammen, was auf den ersten Blick nicht zusammengehört: Mittags und abends zeigt sich das Haus als Pariser Brasserie, dazwischen – und eigentlich immer – als Wiener Kaffeehaus. Von früh morgens bis gegen Mitternacht wird Kaffee getrunken, Café complet serviert, mit Gebäck, Lachs und hausgemachter Terrine. Ein Ort, der den Tag offenlässt und dem Gast die Zeit überlässt.
Herzstück ist die originale Bar aus dem Hotel Sacher in Wien, die von Mürner an einer Auktion ersteigert wurde.
Von zeitloser Anmut
Ein besonderes Kapitel eröffnet sich im ersten Obergeschoss: Hier hat Mürner eine herrschaftliche Zigarrenloge eingerichtet. Herzstück ist die originale Bar aus dem Hotel Sacher in Wien, die dort zwischen 1880 und 1978 im Einsatz stand und von Mürner an einer Auktion ersteigert wurde. Umgeben von Art-déco-Ambiente geniesst man hier ausgewählte Cognacs, Rums und Whiskys und eine Zigarre in diskreter Grandezza.
Im Perroquet Vert verdichtet sich die Biografie von Patrik Mürner auf besondere Weise. Dem Patron haftet dabei auch etwas von einem Theaterdirektor an. Und das ganz zu Recht: In den 1990er-Jahren arbeitete er am Musiktheater Biel, das damals eine eigentliche Talentschmiede für Schweizer Künstler war. In dem Sinn fügen sich im Perroquert Vert Reiseerfahrung, Karrierepuzzles, Sinn für Geschichte und ein feines Gespür für Atmosphäre zu einem Ort zusammen, der bewusst aus der Zeit gefallen scheint. Und das ausgerechnet in Biel.